Organisationsdaten
Wenn die Untersuchungseinheit Organisationen sind, gelten besondere methodische Anforderungen: von der Stichprobenziehung über die Fragebogengestaltung bis hin zur Auswertung. Die folgenden Abschnitte fassen die zentralen Empfehlungen zusammen.
Grundgesamtheit und Stichprobe
Bei der Stichprobenziehung ist eine Stratifizierung nach Größe (Mitglieder- oder Beschäftigtenzahl) und Sektor bzw. Organisationstyp Standard. Für ein Projekt zu Migrantenorganisationen bedeutet das etwa, große Dachverbände von kleineren Gemeinschaftsinitiativen zu unterscheiden, um eine einseitige Stichprobe zu vermeiden.
Organisationen sind zudem „fluide Objekte” (Meyermann et al., 2019⤴) : Sie lösen sich auf, fusionieren, benennen sich um oder ziehen um. Jeder Kontakt sollte daher vor der Feldphase auf Aktualität geprüft werden, da veraltete Kontaktdaten ein häufiges praktisches Problem darstellen.
Sekundärdaten vor Primärerhebung
Bevor eine eigene Erhebung durchgeführt wird, sollte geprüft werden, ob bereits vorhandene Sekundärdaten die Forschungsfragen zumindest teilweise beantworten können. Selbst wenn letztlich eine Primärerhebung nötig ist, helfen bestehende Datensätze bei der Fragebogenentwicklung und der Stichprobenplanung.
Auswahl der richtigen Auskunftsperson
Da Organisationen nicht selbst antworten können, muss eine Auskunftsperson als Stellvertreterin ausgewählt werden. Das ist jemand, der die Organisation autorisiert repräsentieren kann. Dabei handelt es sich um eine Form des Proxy Reportings: Die befragte Person berichtet nicht über sich selbst, sondern stellvertretend über eine andere Einheit (Cobb et al., 2018⤴) . Der Zugang zu dieser Person ist oft die größte Hürde: Empfangspersonal, allgemeine Kontaktadressen und andere Gatekeeper müssen überwunden werden. Wenn die Organisation selbst bestimmt, wer antwortet, besteht das Risiko einer verzerrten Perspektive, die nicht die gesamte organisationale Realität abbildet (Meyermann et al., 2019⤴) .
Entscheidend ist dabei die Nähe der Auskunftsperson zu den Themen der Befragung. Stellvertreter, die regelmäßigen Kontakt zu den Personen oder Umständen haben, über die sie berichten, liefern genauere Angaben (Meyermann et al., 2019⤴) . Wo Proxy-Berichte unvermeidlich sind, sollte die Stichprobe so angelegt werden, dass die Befragten eng mit den Personen bzw. Umständen verbunden sind, über die sie Auskunft geben.
Fragebogengestaltung
Für Organisationsbefragungen gibt es für Organisationen keine allgemein anerkannten Standarditems wie bei Individualbefragungen. Die Auswahl der Variablen muss daher sorgfältig begründet werden. Interne Kultur oder Heterogenität über eine einzige Auskunftsperson zu erfassen, ist grundsätzlich nur eingeschränkt möglich. Ein einzelner Vertreter kann immer nur einen Teil der organisationalen Wirklichkeit abbilden.
Offene Fragen schneiden dabei deutlich besser ab als geschlossene: in Studien um rund 30 Prozentpunkte (Cobb et al., 2018⤴) . Gerade bei sensiblen oder vielschichtigen Themen wie migrationsspezifischen Bedarfen erfassen offene Fragen genauere und vollständigere Antworten. Werden dennoch geschlossene Fragen eingesetzt, sind wenige, breite Kategorien in der Regel treffsicherer als lange, ausdifferenzierte Listen (Cobb et al., 2018⤴) .
Stabile Merkmale zu Organisationen, wie Rechtsform oder Sitz können zuverlässiger berichtet werden als fluide oder kürzlich gemachte Erfahrungen bzw. qualitative Aspekte.
Mehrebenendesign
Wenn neben den Organisationen auch deren Mitglieder untersucht werden sollen, bietet sich ein Mehrebenenansatz an: Organisationsvertreter und Einzelmitglieder werden getrennt befragt. Dieses Vorgehen ist allerdings deutlich ressourcenintensiver und setzt die Zustimmung der Organisationsleitung voraus.
Methodenmix
Ein Mixed-Methods-Ansatz wird ausdrücklich empfohlen. Die standardisierte Befragung lässt sich sinnvoll ergänzen durch:
- Experteninterviews zur explorativen Hypothesenbildung oder -prüfung,
- Gruppendiskussionen, um kollektive Erfahrungen und Entscheidungsprozesse innerhalb von Organisationen zu erfassen,
- Dokumentenanalysen (Satzungen, Berichte, öffentliche Materialien), um die Angaben der Auskunftspersonen zu kontextualisieren.
Das ist besonders wertvoll, weil eine einzelne Auskunftsperson zwangsläufig nur ein partielles Bild liefert.
Umgang mit Nonresponse
Amtliche Statistiken profitieren von gesetzlicher Auskunftspflicht. Ein Vorteil, der bei freiwilligen Organisationsbefragungen entfällt. Entsprechend sind die Verweigerungsraten bei Organisationsbefragungen höher als bei Individualbefragungen. Der Aufbau von Vertrauen und Legitimität, etwa durch institutionelle Anbindung oder die Unterstützung eines anerkannten Dachverbands, vor dem Versand der Befragung kann die Teilnahmebereitschaft erheblich verbessern. Darüber hinaus können organisationsinterne Richtlinien eine Teilnahme an externen Befragungen grundsätzlich untersagen.